Sprachkultur im Seniorenheim

Wertschätzung zeigen: Sprachkultur im Seniorenheim
"Wir gehen jetzt schön Pipi machen und dann in die Heia." Sicher gut gemeint, aber ist das, was  üblich ist, auch angemessen? Es scheint höchste Zeit für eine neue Sprach- und Kommunikationskultur in der Pflege. Dabei hat der Einsatz von Babysprache im Altenheim auch unter Psychologen durchaus Befürworter: Babysprache erreiche demenzkranke, geistig zurückgeworfene Senioren besser als Erwachsenensprache. Praxiserfahrung zeige zum Beispiel, dass "Wasser lassen" oft nicht mehr begriffen werde, "Pipi machen" dagegen wohl. Und warum nicht eine Seniorin, die ihren Ehenamen vergessen hat, mit ihrem Vornamen anreden? Außerdem sorgten beruhigender Singsang und Kosenamen für Geborgenheit. Dagegen raten Kritiker Pflegekräften, darauf zu verzichten, um Diskriminierung zu vermeiden. Besser langsamer sprechen und einfachere Sätze verwenden, so die Position der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Denn Babysprache berücksichtige nicht, dass auch Altersverwirrte immer wieder lichte Momente hätten - und sich dann verletzt fühlten. Besser sei es, dort, wo Inhalte kaum noch verstanden würden, mit Mimik, Sprachmelodie und Körpersignalen zu arbeiten.

Immer wichtiger: Kultursensible Altenpflege
Wo Migranten und Migrantinnen in die Jahre kommen, gerät die Kommunikation zur besonderen Herausforderung. Kultursensible Pflege - dazu gehört nicht nur das Erledigen gastfreundlicher Gesten für diese Senioren, wie das Anbieten von Tee, sondern auch die richtige Sprache. Immer mehr Migranten verbringen auch ihren Ruhestand in Deutschland und werden 2030 ein Viertel der Senioren stellen. Dennoch sind deutsche Pflegeeinrichtungen nur unzureichend auf ihre Bedürfnisse
eingestellt. Wo niemand ihre Sprache spricht, werden Behandlungen nicht selten zu früh abgebrochen. Medizinische Betreuer und Muttersprachler bauen schneller Vertrauen auf, so dass Krankheitsursachen genauer erkannt werden können. Kultursensible Altenpflege ist eine Marktlücke: Vor allem die Zahl der Einrichtungen, die mit türkisch- und arabischstämmigen Pflegekräften arbeiten, wächst. Da viele Migranten nicht lesen und schreiben können, erledigt die Einrichtung auch Korrespondenz mit den Beihören, begleitet Arztbesuche und hilft, Rezepte zu verstehen. Weil Türkisch sprechen allein nicht reicht, gibt es Schulungen in kulturspezifischer Altenpflege: Welche Suren bei der Sterbebegleitung rezitieren? Wie spricht man die Schahada, das Glaubensbekenntnis?

Optimierungsbedarf: Sprachkultur in der Pflege
Mal schnell Frau Meier umlegen, Herrn Schulze fertigmachen und füttern, Frau Müller um die Ecke bringen: Wertschätzung klingt anders. Geringschätziger Pflegeslang im Alltag scheint dazu zu gehören - und wird ohne großes Nachdenken benutzt. Dabei könnte eine überlegte Sprachkultur in der Altenpflege von großer Bedeutung sein: Kommunikation ist mehr als bloßer Informationsaustausch, sondern schafft eine positive Atmosphäre. Mit ihrem Gelingen steht und fällt die Qualität der Pflege. Ein bisher beispielloses, 2012 ins Leben gerufenes Sprachkulturprojekt hat dies erkannt. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Nordhessen schult nicht nur Pflegekräfte, sondern Mitarbeiter aller Ebenen in einer mehrjährigen Fortbildungsreihe "Neue Sprach- und Kommunikationskultur". Mitarbeiter lernen, bewusst zu kommunizieren, ein positives Selbstbild innerhalb der Altenpflege fördern und so eine Außenwirkung zu entfalten, die zur Aufwertung des Berufsstandes beiträgt, so Pflegereferentin Sigrid Junge. Denn obwohl pflegerische Dienstleistungen in Zeiten sozialen und demografischen Wandels an Bedeutung zunehmen, belegen aktuelle Studien ein negatives Bild der Altenpflege in der Gesellschaft.

Sprachverhalten bewusst steuern
Deshalb bildet das AWO-Projekt so genannte Sprachlotsen bzw. Sprachpiloten aus. Teilnehmer analysieren typische Redewendungen aus dem Arbeitsalltag auf Zweideutigkeiten sowie Assoziation analysieren, die sie mit bestimmten Äußerungen verbinden. Das Ziel: Ein "Schatz der guten Worte"
und bewusstes Wahrnehmen: Wie wirken Tonfall, Stimmlage und Redetempo auf die Senioren? Nehme ich Blickkontakt auf oder spreche ich nur im Vorbeigehen? Nach Abschluss des Projekts 2015 schickt die AWO seine Sprachlotsen auf den Weg, um Altenpfleger vor Ort zu schulen. Aber bleibt bei derart hohem Arbeitstempo überhaupt Zeit dafür? Pflegereferentin Junge ist optimistisch: Gerade dort, wo die Anforderungen hoch seien, erweise es sich für Pflegende wie Senioren als Wohltat, in wertschätzenden Umgang als Baustein guter Pflegequalität zu investieren.

 

 

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